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Zeit verlieren

Ich würde so gerne Zeit verlieren. Aber keiner kann mir sagen, wie das geht.

Die Zeit läuft einfach so vor sich hin, immer weiter, ohne Rücksicht auf irgendetwas oder irgendjemand zu nehmen. Sie läuft einfach so vor sich hin.

Manchmal hab ich das Gefühl, dass sie mir wegläuft. Manchmal das Gefühl, dass sie mir zwischen den Fingern zerrinnt. Aber trotzdem ist sie immer da. Einfach so. Ohne irgendetwas zu wollen oder gar zu fordern. Sie ist einfach nur da und läuft.

Ich habe das Gefühl, irgendetwas mit ihr machen zu müssen. Denn sie ist ja wertvoll. Manchmal mache ich dann ganz viel auf einmal und möglichst schnell. Aber sie zeigt sich völlig unbeeindruckt und läuft einfach so weiter.

Man kann Zeit weder sehen noch hören noch direkt fühlen. Wir können nur ihre Wirkung beobachten. Vielleicht hat uns die Evolution kein Sinnesorgan für die Zeit mitgegeben, weil sie einfach gar nicht wichtig ist. Vielleicht-geht es nur um das was wir tun und was wir erleben. 
Dabei ist die Zeit das Einzige, was wir wirklich haben. Sie ist fest mit uns verdrahtet. Alles andere kann man uns wegnehmen.

Manchmal sitze ich im Garten und schaue zu, wie sie läuft. Nein, eigentlich schaue ich in den Himmel, betrachte das Spiel der Wolken und des Lichtes. Während sie läuft.

Es scheint sie überhaupt nicht zu interessieren, was ich mit  ihr mache. Egal was passiert, sie läuft einfach so weiter.
Ich kann sie messen, doch was nützt es mir? Dadurch wird sie weder mehr noch weniger. Auch läuft sie dadurch weder schneller noch langsamer.

Sie gehört mir nicht, genauso wenig, wie sie dir gehört. Oder irgendjemand anderem. Man kann sie weder verschenken noch verkaufen. Interessant ist: wenn wir sie miteinander teilen, wird sie nicht weniger. Wenn es gut läuft, fühlt es sich eher so an, als ob sie mehr wird, obwohl sie gefühlt schneller vergeht. Wenn es schlecht läuft, scheint es so zu sein, als ob sie weniger wert ist, aber einfach nicht vergehen will.

Wenn ich zurückblicke, so gibt es durchaus ein paar Jahre, die ich gerne verlieren würde. Jedoch scheint das nicht vorgesehen zu sein. Ich habe im Netz, auf Insta und auf TikTok, den ein oder anderen Beitrag gefunden, wie man keine Zeit verliert.

Aber das ist nicht mein Problem.

Ich würde gerne Zeit verlieren. So ein paar Jahre. Nicht um danach jünger zu sein. Einfach nur um sie nicht erlebt zu haben. Einfach weil sie nicht schön waren, auch nicht gut, notwendig oder gar lehrreich. Nein es waren einfach nur Scheissjahre. Jahre die kein Mensch braucht.

Ich habe schon einiges versucht. Eine Annonce bei Kleinanzeigen führte nicht zum Erfolg: Scheissjahre günstig abzugeben. An Selbstabholer.

Vielleicht war das das Problem. Selbstabholer. Doch wie verpackt man Scheissjahre? Auch darauf fand ich keine Antwort. Nein, auch nicht bei YouTube.

Nun gut, an dieser Stelle gebe ich mich vorläufig geschlagen. Es scheint wohl so zu sein, dass man die Zeit nicht mehr verändern kann, wenn sie einmal vergangen ist. Außer natürlich in der Geschichtsschreibung. Also nicht der persönlichen, aber der allgemeinen, gesellschaftlichen. Da wird wüst herum fabuliert und den tatsächlichen im Sinne von faktischen Abläufen, das ein oder andere Mäntelchen übergezogen, dass den Glanz der Sieger ein bisschen heller scheinen lässt...egal.

Wie auch immer, im privaten ist das doch weitaus schwieriger. Da gibt es einen Lebenslauf. Da steht drin, wie das Leben gelaufen ist. Läuft es bei dir? Oder ist es schon gelaufen? Und wenn ja, wohin? Gibt es denn überhaupt eine Richtung? Oder läuft es einfach nur ab?

Das Leben, ist genauso ein Patient wie die Zeit. Was bitteschön soll das denn sein?  Es scheint einen Zusammenhang zwischen den Beiden zu geben. Sie stecken unter einer Decke. Ist Leben vielleicht einfach nur die Summe der ablaufenden Zeit? Das klingt ein bisschen dürftig und diesem Erklärungsmodell fehlt es zugegebenermaßen ein wenig an Glanz. Es dürfte dann doch etwas blumiger sein, etwas aufregender, irgendwie spannender. Doch es scheint im Grunde genau so trivial zu sein. Keine blinkenden Pailletten, keine süßen bunten Streusel obendrauf. Eine Aneinanderreihung von Augenblicken, die sich zu Stunden, Tagen und schließlich Jahren fügen. Oder sind es die Momente der Leidenschaft, des Feuers die ihm den Namen geben? Wo ungestümer Drang, wo Herzenswunsch und Seelenglück den nüchternen Zeiteinheiten Farbe geben. Wo nicht Vernunft und Kalkül regieren, wo flammend dein Herz zutiefst begehrt?
Wer weis? Ich weis es nicht.

Wenn diese beiden Monster unter unserem Bett heiraten, dann wählen Sie einen Doppelnamen: LebensZeit. Das „S“ dazwischen gibt es gratis dazu. Ein Art Hochzeitsgeschenk.

Und da haben wir es nun vor uns, das unselige Paar. Auch nach der Paarung werden sie nicht greifbarer. Ganz im Gegenteil. Sie sind allgegenwärtig, bestimmen unser Leben sowohl einzeln als auch als paarweise. Wir achten ständig auf sie, sie sind das einzige, was wir haben. Sie sind das einzige, was wir mitnehmen, wenn wir mal sterben müssen. Ob wir es wollen oder nicht.

Da gab es nun diese paar Jahre. Mehrere Jahre Leben. Mehrere Jahre Zeit. Also quasi mehrere Jahre Lebenszeit. Der Haken ist nur: ich hatte in diesen Jahren nicht das Gefühl zu leben. Von daher würde ich sie gerne zurückgeben. Doch das scheint nicht vorgesehen zu sein.

Eine andere Möglichkeit wäre ja, dass vielleicht irgendjemand anders etwas mit Ihnen anfangen kann. Ich möchte gar nichts dafür haben. Ich möchte sie einfach nur loswerden. Ich schleppe sie schon lange mit mir rum. Sie sind mir mehr Ballast, als dass sie mir irgendetwas nützten oder jemals genützt hätten.

Nun, ich werde sie wohl nicht mehr los. Ich werde wohl mit ihnen leben müssen. Schade eigentlich.

Ich versuchte normal zu sein. Das zu tun was alle tun. Das volle Programm. Und ich hatte einfach mit zu vielen Arschlöchern zu tun. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb ich diese Jahre gerne los werden würde. Wenn ich meine Zeit gerne mit Arschlöchern verbringen würde, wäre ich wahrscheinlich Proktologe geworden.

Bleibt die Frage was ich mit den Jahren machen werde, die noch nicht geschrieben sind. Ich könnte jetzt heldenhafte und hollywoodreife Dinge aufzählen. In blumigsten Träumen schwelgen, oder großartige Pläne machen, mit denen sich ein Instagram Account zuballern liesse.

Doch das hier ist kein Film. Das ist ein Leben. Und wie es das Schicksal so will, ist es mein Leben. Also sehe ich mich genötigt, irgendetwas damit anzufangen. Wenn es schon mal da ist, dann bietet sich das ja irgendwie an. Also versuche ich es. Jeden Tag ein bisschen. Vielleicht interessiert sie sich ja doch dafür, was ich mit ihr mache, die Lebenszeit.

Lebenszeit. Ich hasse Doppelnamen. 
Aber einen Versuch ist es wert.

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